Kreative Recruiting Gespräche führen: Mit diesen Interviewfragen lernt man Bewerber wirklich kennen

Wer Bewerber und Bewerberinnen wirklich kennenlernen will, braucht kreative Interviewfragen. Orangen nach Stärken, Schwächen und persönlichen Erfolgen sind so weit verbreitet, dass die meisten Kandidaten fertige Antworten auf diese Fragen auswendig aufsagen können. Meist geben diese Antworten jedoch nur wieder, was Arbeitgeber vermeintlich gerne hören wollen – schließlich wollen Bewerber sich in einem möglichst guten Licht darstellen.

Daher gehören in jedes Bewerbungsgespräch unkonventionelle Fragen, mit denen kein Bewerber rechnet. Denn kreative Interviewfragen bringen Kandidaten dazu, über Antworten nachzudenken und sich dem Interviewpartner gegenüber zu öffnen. Solche Fragen ermöglichen ein authentisches Gespräch auf Augenhöhe, bei dem sich beide näher kennenlernen.

Wie man solche Fragen findet, welcher Fragenkatalog für das Bewerbungsgespräch am besten geeignet ist und welche Fragetechniken im Interview besonders erfolgreich sind, haben wir in diesem Artikel zusammengestellt. So werden Job-Interviews zu relevanten Kennenlern-Gesprächen, bei denen man wirklich etwas über den anderen erfährt. Zusätzlich stellen wir einen Interviewleitfaden für das Recruiting zur Verfügung, denn neben den richtigen Inhalten kommt es im Bewerbungsgespräch mindestens genauso sehr auf die perfekte Struktur an.

10 Kreative Interviewfragen für bessere Bewerbungsgespräche

3 Fragen zur beruflichen Kompetenz

Zum Fragenkatalog für ein Bewerbungsgespräch gehören natürlich Fragen zur beruflichen Kompetenz. Doch anstatt den Bewerber einfach erzählen zu lassen, was er alles gut kann, kann man auch kreative Interviewfragen stellen und so mehr erfahren.

1. Warum haben Sie sich für Ihre aktuelle Stelle entschieden?

Wenn man nach den Gründen für die Bewerbung im eigenen Unternehmen fragt, antworten Bewerber meist genau das, was man hören will und was auf der Karriereseite zu finden ist. Kreative Interviewfragen wie diese führen jedoch dazu, dass Bewerber ehrlicher sind. Denn wenn sie hier die wahren Beweggründe nennen, treten sie niemandem zu nahe. Vielleicht war die Entscheidung nur eine Zweckwahl und die aktuellen Aufgaben sind für den Bewerber gar nicht so spannend.

Alternative kreative Interviewfragen drehen sich um den Grund für die gewählte Ausbildung oder das Studium. Im Anschluss kann man fragen, warum der Bewerber sich auf die neue Stelle beworben hat. Vor dem Hintergrund der letzten Antwort wird er nun ehrlicher antworten.

2. Welche Aufgaben würden Sie besonders gerne / weniger gerne machen?

Kreative Interviewfragen versuchen meist indirekt, die Information zu ermitteln, für die man sich wirklich interessiert. Wenn ein Bewerber von seinen Vorlieben für bestimmte Arten von Aufgaben erzählt, erfährt man gleichzeitig, welche Arten von Aufgaben er sich zutraut. Hier kann man gut nachhaken, warum der Bewerber bestimmte Arbeiten nicht so gerne oder lieber erledigt, wenn er das nicht schon von sich aus tut. So erfährt man über unkonventionelle Fragen viel über die Arbeitsweise des möglichen neuen Mitarbeiters.

3. Wie schätzen Sie aus Ihrer fachlichen Sicht das Unternehmen ein?

Diese Frage muss je nach ausgeschriebener Position angepasst werden, aber sie zeigt – wie andere kreative Interviewfragen auch – deutlich die fachliche Eignung und die Vorbereitung des Kandidaten. Für eine Controller-Stelle kann man beispielsweise fragen, ob der Kandidat sich Unternehmenskennzahlen zum Beispiel im Bundesanzeiger angesehen hat und was er daraus über das Unternehmen schließt.

Jemand, der sich für das HR-Team bewirbt, kann eine Einschätzung zum Bewerbungsprozess abgeben, und ein Designer über das Design des Produkts. Ein gut vorbereiteter Kandidat hat sich alle Informationen über das Unternehmen besorgt und kann auch aus seiner fachlichen Sicht eine Einschätzung dazu abgeben. Kreative Interviewfragen wie diese geben dem Bewerber die Möglichkeit, sein fachliches Können unter Beweis zu stellen.

Für das Unternehmen wird es leichter, die Fachlichkeit zu beurteilen, weil es sich um Beispiele handeln, die aus der eigenen Arbeitswelt stammen. Mit diesen Interviewfragen wird aus dem Vorstellungsgespräch ein Fachgespräch, in dem sich beide Seiten besser kennenlernen können.

3 Fragen zur sozialen Kompetenz

Recruiting Gespräche führen Unternehmen auch, um einschätzen zu können, wie gut jemand ins Team passt und ob seine sozialen Kompetenzen für die Stelle ausreichen. Dies ist vor allem für Führungskräfte wichtig, aber auch für die Gruppendynamik im Team sind soziale Kompetenzen unerlässlich. Kreative Interviewfragen wie die folgenden helfen dabei, die sozialen Kompetenzen der Bewerber richtig einzuschätzen.

4. Was wünschen Sie sich von künftigen Kollegen und Kolleginnen?

Wer ein geselliger Typ ist wünscht sich Kollegen, mit denen man sich gut unterhalten kann. Nicht jeder ist so reflektiert, sich selbst als geselligen Typen zu bezeichnen, aber was man sich von Kollegen wünscht, gelingt jedem.

Und genau das ist das Ziel für kreative Interviewfragen: Informationen über die Bewerber herauszufinden, die diese teilweise selbst nicht kennen. Mit dieser konkreten Frage erfährt man, wie für den Bewerber eine ideale Zusammenarbeit im Team aussieht – und damit auch, wie er selbst im Team arbeitet.

5. Was wäre ein Grund für Sie, diese Stelle nicht anzunehmen?

Unkonventionelle Fragen wie diese sind schon fast gemein, denn sie zwingen den Bewerber dazu, sich negativ über das Unternehmen zu äußern, bei dem er sich gerade bewirbt – wenn auch nur hypothetisch. Dennoch erfahren sie durch solche kreative Interviewfragen viel über die Werte und Prinzipien des Bewerbers und können daraus für sich ableiten, wie er ins Team und ins Unternehmen passt.

Wenn hier beispielsweise jemand „Gehalt“ als Grund angibt, ist klar, dass ihm andere Aspekte der Stelle nicht so wichtig sind. Für Unternehmen, die vor allem auf eine gute Zusammenarbeit Wert legen, ist dies dann vielleicht nicht der richtige Kandidat.

6. Wenn Sie Ihr jetziges Team verlassen – welche Ihrer Eigenschaften wird am meisten fehlen?

Für Unternehmen und auch Teams ist jeder ersetzbar – zumindest fachlich. Die Persönlichkeit Einzelner hinterlässt jedoch teilweise große Lücken, und gerade hierauf zielen kreative Interviewfragen ab.

Wahrscheinlich antworten Bewerber jedoch zunächst einmal fachlich, und entsprechend sollte man hier nachhaken und nach weiteren Eigenschaften fragen. Wenn dem Bewerber jedoch auch nach fünfmaligem Fragen nichts anderes einfällt, als dass nun niemand mehr den Montags-Report ausdruckt, zeigt dies, dass der Bewerber im alten Team nicht besonders gut integriert ist. Ob dies in einem neuen Team besser wird, ist fraglich. Unkonventionelle Fragen wie diese helfen dabei, hierzu eine Einschätzung abzugeben.

4 Fragen zur Persönlichkeit

Wer kreative Interviewfragen stellt, hat die Chance, den Bewerber persönlich besser kennenzulernen. Leider wird diese Chance in Bewerbungsgesprächen häufig verpasst. Für das Team ist es jedoch wichtig, zu wissen, mit wem man Zusammenarbeit. Daher folgen vier kreative Interviewfragen, mit denen man den Kandidaten auf persönlicher Ebene besser einschätzen kann.

7. Worauf in Ihrem Leben sind Sie stolz? Was bereuen sie?

Jeder erzählt gerne von sich selbst, und beide kreative Interviewfragen geben dem Bewerber die Gelegenheit dazu. Mit der Antwort auf diese Interviewfragen lernt man zunächst ein paar persönliche Informationen aus dem Leben des Bewerbers oder der Bewerberin kennen. Darüber hinaus kann man jedoch anhand der Einschätzung, dass jemand stolz auf etwas ist oder es bereut, feststellen, welche Dinge ihm oder ihr im Leben wichtig sind.

Außerdem lässt der Kandidat hier das Unternehmen wissen, wie er mit Zielen im Leben umgeht – denn meist ist das Erreichen von Zielen etwas, worauf wir stolz sind. Wie ehrgeizig sind diese Ziele, die der Bewerber sich gesetzt hat? Wie lange braucht er, um diese kreative Interviewfragen zu beantworten?

Fallen ihm sofort drei Dinge ein oder muss er lange überlegen? All dies sind Hinweise darauf, als wie erfolgreich sich der Bewerber selbst wahrnimmt.

8. Was ist Ihnen auf Reisen wichtig?

Viele Personaler, die Recruiting Gespräche führen, beschränken sich auf den beruflichen Teil des Lebens des Bewerbers. Dabei kann man im Privaten viel besser erkennen, mit was für einem Menschen man es zu tun hat. Hierfür sind kreative Interviewfragen da.

Gerade auf Reisen macht man endlich mal genau das, was man schon ewig vorhatte und was man aufgrund der Arbeit oft aufschiebt. Entsprechend interessant ist es für potenzielle Arbeitgeber, zu wissen, was einem Bewerber auf Reisen wichtig ist. Denn darin zeigt sich, was derjenige persönlich schätzt, wenn er völlig frei über seine Zeit bestimmen kann.

9. Welchen Werbeslogan würden Sie für sich selbst wählen?

Dies sind eigentlich drei kreative Interviewfragen in einer: Denn der Bewerber muss zeigen, dass er einen kurzen Slogan verfassen kann, was vor allem für Bewerber im Marketing-Bereich interessant ist. Außerdem muss er etwas Gutes über sich selbst sagen, was vielen schwer fällt. Der dritte Part, der ebenfalls unter kreative Interviewfragen fällt, besteht darin, dass der Bewerber sich wirkungsvoll in Szene setzen muss. Dies ist unangenehm, schwierig und zeigt viel von der Persönlichkeit des Bewerbers.

10. Wer ist Ihr Vorbild – und warum?

Unkonventionelle Fragen gehen immer indirekt vor – so auch hier bei der Frage nach dem eigenen Vorbild. Denn die wenigsten Menschen haben wirklich ein Vorbild, dem sie nacheifern. Sehr selbstbewusste Menschen werden auf solche kreative Interviewfragen auch nicht „hereinfallen“ und ganz direkt sagen, dass sie kein Vorbild haben.

Alle anderen werden ein Vorbild wählen, dem sie sich entweder persönlich nah fühlen („mein Vater“) oder dem sie sich ähnlich fühlen. Spannend ist es, hier kreative Interviewfragen zum „Warum“ zu stellen. Dann zeigt sich, welche persönlichen Eigenschaften an anderen dem Bewerber wichtig sind und wohin er selbst sich entwickeln möchte.

Die richtigen Fragetechniken für das Interview

Neben dem perfekten Fragenkatalog für das Bewerbungsgespräch helfen auch Fragetechniken im Interview, den Bewerber zu öffnen und ehrlich antworten zu lassen. Solche Techniken schaffen eine angenehme Interviewatmosphäre und sorgen dafür, dass ein Gespräch unter gleichwertigen Partnern entsteht. Außerdem geben sie dem Bewerber den mit Abstand größten Redeanteil. Schließlich geht es um ihn. Die folgenden drei Regeln sind die Basis für alle Fragetechniken im Interview.

Regel 1: Offene Fragen stellen

Geschlossene Fragen kann man mit Ja, Nein oder einer einfachen Information wie beispielsweise dem eigenen Alter beantworten. Viele Menschen antworten auch auf geschlossene Fragen länger als nötig, aber gerade wenn der Bewerber aufgeregt ist, wird er solche Fragen eher knapp beantworten. Informationen fließen so kaum. Kreative Interviewfragen sind daher immer offene Fragen!

Regel 2: Rückfragen stellen

Kreative Interviewfragen werden nicht immer so verstanden, wie sie gemeint waren. Wenn Antworten auf Interviewfragen kommen, die noch nicht den Eindruck vermitteln, den man erlangen wollte, gilt: Rückfragen stellen. Denn Recruiting Gespräche zu führen bedeutet auch, die Kontrolle über das Gespräch zu behalten und eine Frage erst dann aufzugeben, wenn sie beantwortet ist.

Regel 3: Gründe erfragen

Die meisten von uns wissen nicht so genau, warum sie die Dinge tun, die sie tun. Wer nach Gründen gefragt wird, kommt daher meist ins Nachdenken. Und in diesem Nachdenken öffnet man sich dem Gesprächspartner. Denn Fragen nach dem Warum zeugen auch von echtem Interesse der interviewten Person gegenüber. Fragen nach Gründen für das Verhalten des Bewerbers gehören daher in jeden Fragenkatalog für das Bewerbungsgespräch.

Ein Interviewleitfaden für das Recruiting: So läuft das Bewerbungsgspräch strukturiert ab

Kreative Interviewfragen allein reichen nicht aus, um ein gutes Gespräch zu führen. Wer nur ein paar unkonventionelle Fragen im Kopf oder auf dem Zettel hat und damit ins Gespräch geht, wird wahrscheinlich selbst die meiste Zeit reden, vor allem aber wird er nicht die Informationen erhalten, die wichtig sind.

Daher ist ein Interviewleitfaden für das Recruiting so wichtig. Dieser sollte am besten durch das HR-Team auf das jeweilige Unternehmen zugeschnitten sein und sowohl klassische als auch kreative Interviewfragen umfassen. Dies gibt einem Interview Struktur und macht Gespräche mit verschiedenen Bewerbern außerdem vergleichbar.

Eine Grobstruktur für einen Interviewleitfaden im Recruiting kann wie folgt aussehen:

  • Vorstellungsrunde: Wer spricht, aus welchem Team, warum?
  • Ausblick auf das Gespräch: Was wird Thema sein?
  • Diskussion des Lebenslaufs in Bezug auf die Stelle, entweder durch den Bewerber erläutert oder durch konkrete Interviewfragen, die vorher vorbereitet werden
  • Weitere kreative Interviewfragen, um den Kandidaten besser kennenzulernen, gerne aus einem vorbereiteten Fragenkatalog für das Bewerbungsgespräch
  • Raum für Fragen
  • Informationen über das Unternehmen
  • Ausblick auf den weiteren Bewerbungsprozess

Je nach Bedarf des Unternehmens muss dieser Interviewleitfaden für das Recruiting angepasst werden.

Fazit

Kreative Interviewfragen helfen Recruitern dabei, ein Gespräch unter Gleichen zu führen und den Bewerber besser kennenzulernen. Wer unkonventionelle Fragen stellt, versteht besser, was den Bewerber ausmacht und wie dieser ins Team passen wird. Um Recruiting Gespräche strukturiert zu führen, sollte man sich einen Fragenkatalog für das Bewerbungsgespräch vorbereiten, der sowohl klassische als auch kreative Interviewfragen beinhaltet.

Ein Interviewleitfaden im Recruiting hilft außerdem dabei, dem Gespräch die nötige Struktur und Vergleichbarkeit mit anderen Gesprächen zu geben. Wer seine Gespräche so vorbereitet, lernt die Bewerber nicht nur als Mitarbeiter, sondern als Menschen besser kennen und reduziert so die Wahrscheinlichkeit von Fehlentscheidungen.