Das missverstandene Kompliment – Abgrenzung zur sexuellen Belästigung muss geschaffen werden

Bloß ein Kompliment machen wollte er ihr. Die neue Mitarbeiterin muss es missverstanden haben. Jetzt steht der Vorwurf ’sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz‘ im Raum. Egal wie es gemeint war, so ist es angekommen. Nun stehen die Vorgesetzten in der Pflicht, denn so etwas darf man heutzutage nicht herunterspielen.

Gegen ein Kompliment kann niemand etwas haben, doch sexuelle Belästigung ist unduldbar. Doch wo befindet sich da eigentlich die Grenze? Was darf man(n) überhaupt noch tun oder sagen? Und was muss wiederum vom Gegenüber hingenommen werden und was nicht? Ein schier endloses Thema mit Ansichten, die teils weit auseinander gehen.

Sexuelle Belästigung

Zunächst einmal muss das ganze Dilemma pragmatisch betrachtet werden. Damit beginnen wir bei der einfachen Bedeutung des Begriffs ’sexuelle Belästigung‘. Sexuelle Belästigung sind entwürdigende oder in sexueller Hinsicht verletzende Bemerkungen oder Handlungen. Auch unerwünschte körperliche Annäherungen, zum Beispiel in Verbindung mit einer Drohung fallen in diese Kategorie. Mit anderem Worten, es wird Druck ausgeübt und das Opfer wird in eine Rolle gepresst, in der es sich nicht mehr wertvoll fühlt.

Das Kompliment

Wenn wir außerdem auf das Wort ‚Kompliment‘ schauen, erkennen wir bereits einen deutlichen Unterschied. Ein Kompliment ist eine „lobende, schmeichelhafte Äußerung, die jemand an eine Person richtet, um ihr etwas Angenehmes, Erfreuliches zu sagen“. Es ist also stets höflich distanziert und kann niemals anzüglich sein, da es sonst demjenigen wohl kaum mehr schmeicheln könnte.

Der Unterschied liegt also vor allem in der Intensität der Handlung oder des Gesagten und in deren Bestimmung. Ein Kompliment hat keinen Grund, verheimlicht zu werden, oder dem anderen Schweigen aufzuerlegen, ihn gar mit Belohnung oder Bestrafung eine bestimmte Reaktion aufzuerzwingen. In der Realität sind dennoch beide, Kompliment wie sexuelle Belästigung, manchmal schwer zu unterscheiden.

Die Entstehung einer Grenze

Problematisch ist neben der reinen Bedeutung der Worte jedoch das zwischenmenschliche Geschehen. Gerade zwischen den verschiedenen Geschlechtern kommt es bekanntlich immer wieder zu Missverständnissen. Fehlgedeutete Signale schüren Hoffnungen und animieren denjenigen, weiter auf den anderen zuzugehen, den nächsten Schritt zu wagen. Vielleicht waren die Signale zunächst auch wirklich da. Unterwegs kann jedoch immer viel passieren.

Einer verliert beispielsweise schlicht das Interesse. Oder aber die konkreten Handlungen des anderen irritieren ihn oder schüchtern denjenigen sogar ein, machen Angst. Vielleicht wollte man ja, aber nicht so schnell, nicht so. Das Kennenlernen zeigte vielleicht Seiten auf, die einem nicht gefallen. Hier ist bereits der erste Knackpunkt angesiedelt: Ganz egal, ob das Interesse nie da war, oder ob es zwischenzeitlich verloren gegangen ist, der Begehrte ist nun in der Situation, dem anderen klarzumachen, dass hier eine Grenze (entstanden) ist. Er muss also eindeutig werden und diese Grenze erkennbar abstecken.

Die Naivität der Höflichkeit

Nur wenigen fällt das wirklich leicht, besonders am Arbeitsplatz, wo man einander immer wieder begegnet. So eine Grenze wird nicht einfach gezogen und dann ist gut. Oftmals bedeutet ein klares Wort, dass man sich outet: „Ich interpretiere dein Handeln als Annäherungsversuch.“ Gerade eine schüchterne Mitarbeiterin, die möglicherweise auch noch deutlich jünger ist als ihre männlichen Kollegen, hat hiermit ein Problem.

Wer sich selbst nicht als begehrenswert einschätzt, wird einem anderen nicht unterstellen, so zu empfinden. Zunächst wird er das Kompliment vielleicht auch gar nicht bemerken, weil er sich nichts einbilden will. Aber auch selbstbewussteren Menschen fällt es schwer, auf den anderen zuzugehen und deutlich eine Grenze aufzuzeigen, wenn das Kompliment über das Ziel hinaus schießt.

Schließlich hat man sich bis dato gut verstanden, möchte eine Freundschaft oder kollegiale Zusammenarbeit am Arbeitsplatz nicht gefährden. Zweifellos wird der Zurückgewiesene vorerst Abstand suchen, sobald die Botschaft angekommen ist. Um dies zu vermeiden, hoffen die meisten auf ein Abflauen des Interesses. Was nicht ausgesprochen ist, existiert nicht und gerät vielleicht mit der Zeit in Vergessenheit.

Die rosarote Brille

Leider ist jedoch an diesem Punkt nicht mehr viel mit kleinen unscheinbaren Gesten zu retten. Der Verliebte (oder Begehrende etc.) wird kaum noch wahrnehmen, dass man ihm die kalte Schulter zeigt oder auf seine Witze nicht mehr so eingeht wie früher.

Vielleicht interpretiert er diese Zurückhaltung auch als Schüchternheit oder höfliche Distanziertheit im Arbeitsumfeld. Das hat in der Regel keinen ignoranten oder bösartigen Hintergrund. Es ist leider so, dass Menschen immer sehen, was sie sehen wollen, und gerade wenn es einmal anders war, fällt es vielen schwer zu verstehen, dass sich etwas verändert hat.

Entscheidend ist das Empfinden des Adressaten

Das Problem ist also nicht in erster Linie die Handlung selbst, die eine sexuelle Belästigung darstellt. Unter den richtigen Umständen ist sie sogar gewollt und wird als sehr angenehm oder gar befreiend empfunden, da versteckte Gefühle den Weg nach draußen finden und sogar erwidert werden. Da kann ein Küsschen oder ein Klaps auf den Po, selbst eine spitze Bemerkung oder ein verliebter Brief als etwas Positives wahrgenommen werden.

Hat aber nun einer der Beteiligten die bisherigen Signale fehlinterpretiert oder sogar bewusst übergangen, kann jegliche Form der Annäherung als etwas sehr Unangenehmes empfunden werden. Ekel und Selbsthass können entstehen, weil man die Nähe nicht freiwillig gesucht hat, sie vielleicht sogar nur besonderen Menschen zugestanden hätte, und weil man sich darüber ärgert, nicht schon früher die sexuelle Belästigung bemerkt zu haben und daraufhin eindeutiger geworden zu sein.

Wie damit umgehen?

Nun plagt sich also vor allem das ‚Opfer‘ der Übergriffe mit Selbstzweifeln. Hätte es die sexuelle Belästigung verhindern können? Hat es das alles sogar selbst zu verantworten?
Grundsätzlich kann man die Opfer sexueller Übergriffe, und seien diese noch so klein – aber eben unerwünscht – nicht für das Geschehene verantwortlich machen. Natürlich lässt sich im Nachhinein leicht sagen, man hätte intervenieren können.

Aber niemand kann wirklich im Vorfeld abschätzen, wie zwischenmenschliche Signale ausgelegt werden und was in der Folge passieren wird. Es ist auch niemand verpflichtet, die ersten Annäherungsversuche eines anderen als solche zu erkennen.

Daher muss sich niemand schämen, wenn er sich belästigt fühlt. Wichtig ist nur, aus der Passivität zu fliehen und diese Situation für sich zu beenden, bevor daraus mehr wird als ’nur‘ sexuelle Belästigung.

Nur die Wenigsten können infolge solch einer Situation alleine auf den anderen zugehen und sagen: „Hör damit auf! Ich möchte das nicht. “ Such Dir also einen Verbündeten, einen Mitwisser, der zu Dir hält. So kannst Du zunächst erstmal Deine Gedanken ordnen, die Sache einschätzen und bekommst auch ein Feedback, wenn es darum geht, was Du jetzt am besten tun solltest. Vielleicht reicht ein klärendes Gespräch in Anwesenheit Deines Verbündeten.

Möglicherweise kann er auch an Deiner Stelle etwas sagen (jedoch solltest Du wenigstens dabei sein, da sonst wieder Missverständisse auftreten können). Dieser Mitwissende kann ein guter Freund sein, der entweder denjenigen auch, oder eben überhaupt nicht kennt. Es kann auch der Chef sein, doch das sollte gut überlegt sein. Leider sind die meisten Situationen, in denen sich jemand belästigt fühlen kann, wenig eindeutig, lassen sich aber durch ein offenes Gespräch beenden, da der Gegenüber wirklich etwas falsch gedeutet und nicht aus Böswilligkeit heraus gehandelt hat.

Die meisten wollten ihrer Mitarbeiterin tatsächlich nur eine Art Kompliment machen. Bringt diese Konfrontation jedoch nichts, sollte allerdings wirklich in Erwägung gezogen werden, den Vorgesetzten in Kenntnis zu setzen.

Der Vorwurf in der Praxis

Wir leben heute in einer aufgeklärten Gesellschaft, die sich sehr für Gleichberechtigung jeder Art einsetzt. Dennoch wurde in den letzten Jahren vor allem durch die Medien erkennbar, wie oft sexuelle Belästigung verschwiegen wird. Die Gründe hierfür mögen unterschiedlich sein. Fakt ist aber, dass ein solches Thema nicht in Schweigen gehüllt sein darf. So gab es einige skandalöse Outings von zunächst US-amerikanischen Schauspielerinnen und Models.

Das hat dazu geführt, dass eine kontroverse Debatte entstanden ist, was sexuelle Belästigung und was ein Kompliment jeweils genau sei und welche Rolle das Opfer dabei spiele oder zu spielen habe. In der Folge wurden und werden immer noch Vorwürfe sehr schnell geäußert, was allerdings nicht mehr im Sinne der Me-too-Bewegung (eine Bewegung von Frauen, die sich als Opfer sexueller Belästigung outeten) sein kann.

Wenn gegenüber einem Mann ein solcher Vorwurf laut wird, wagt dieser möglicherweise nicht wieder, eine Frau anzusprechen, zu umarmen oder ihr ein Kompliment auszusprechen. Das ist problematisch, denn diese Entwicklung verschließt die Geschlechter auf eine sicherlich von niemandem gewollte Weise voreinander. Es ist also extrem wichtig, darüber zu sprechen und alle Mitglieder der Gesellschaft dafür zu sensibilisieren, was was ist und wie man es erkennt und wie man damit umgeht beziehungsweise es im besten Fall verhindert.

Das ist kein Kompliment

Eindeutige sexuelle Belästigung ist beispielsweise:

  • das Erzwingen körperlicher Nähe, beispielsweise durch Erpressen („Du bekommst den Job oder Auftrag sonst nicht.“)
  • das bewusste Überschreiten von Grenzen
  • unangebrachte eindeutige Anzüglichkeiten
  • das Senden oder Zeigen von intimen Bildern ohne vorheriges Einverständnis des Gegenübers

Eine Utopie als Ziel des Zusammenlebens

Es ist also unabdinglich, über sexuelle Belästigung zu sprechen. Es muss den Menschen verdeutlicht werden, welche Verantwortung sie für sich und ihr Gegenüber tragen und wie wichtig es ist, auch unangenehme Grenzen aufzuzeigen. Nur so kann ein weitgehend sorgloses unbefangenes Zusammenleben gesichert werden, weil jeder weiß, wenn er mit seinem gut gemeinten Kompliment zu weit geht, wird er rechtzeitig darauf hingewiesen.

So utopisch dieser Gedanke auch klingen mag, so sollte er doch maßgebliches Ziel für unser künftiges Zusammenleben sein. Gleichzeitig muss aber auch jeder sich selbst hinterfragen: Deute ich die veränderten Signale immer noch richtig? Lädt mich der andere noch immer dazu ein, weiterzugehen, also darf ich ihm ein Kompliment machen oder weist er mich inzwischen dezent ab? Im Zweifel muss das heikle Thema angesprochen werden.

Ein blindes Losstürmen auf einen anderen, der nur höflich war, um dann dem Opfer die Schuld zuzuweisen, weil es sich hätte deutlicher erwehren müssen, kann nicht der Weg sein.

Aufmerksam und mündig

Letztlich kann der Unterschied zwischen einem Kompliment und sexueller Belästigung nicht immer eindeutig festgestellt werden. Wir müssen einfach lernen, dass in der heutigen Zeit ein reicher oder gut aussehender Mann nicht mehr einfach ‚Ärsche zwicken‘ und es dann ein Kompliment nennen kann, wenn ihm danach ist. Und eine Frau hat solche Aktionen auch am Arbeitsplatz nicht zu dulden.

Während also die einen lernen müssen, mündiger zu werden und nicht alles hinzunehmen, müssen die anderen aufmerksamer werden. Das gilt geschlechterübergreifend. Schließlich schließen und festigen wir täglich Freundschaften. Und auch Spaß unter Kollegen gehört zum Alltag. Wir sind alle unterschiedlich sozialisiert, jeder hat andere Erfahrungen gemacht, jeder hat andere Grenzen, jeder zeigt diese auf unterschiedliche, vielleicht auch sehr diskrete Weise.

Fehler werden uns immer wieder passieren und wir sollten als Gesellschaft nicht dazu übergehen, alles, was so und auch so verstanden werden kann, sofort als sexuelle Belästigung zu beuteln. Damit entfremden wir die Menschen und, was noch viel schlimmer ist, spielen die Bedeutung, die echte sexuelle Belästigung für die Opfer haben kann, herunter. Die Devise kann nur sein: macht den Mund auf und sprecht miteinander! Nur so können Ängste und Vorurteile überwunden werden, und nur so können sexuelle Übergriffe jeglicher Art am Arbeitsplatz weitgehend eingedämmt werden.

So kann das „Kompliment machen“ gelingen:

  • schätze Dein Verhältnis zum Gegenüber realistisch ein
  • ein echtes Kompliment ist stets höflich und niemals anzüglich
  • schmeiße damit nicht wild um Dich, sondern äußere sie mit Bedacht

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