Mit Köpfchen und Fingerspitzengefühl – wie kann ich meinen Chef richtig kritisieren?

Die Hierarchie und die Regelung der Weisungsbefugnis sind natürlich klar: hier hat der Chef das Sagen. Aber es gibt immer Situationen, in denen es nicht ganz so einfach ist. Nicht nur alte Hasen, sondern auch jüngere Kollegen können durch Fachkenntnis oder Erfahrung erkennen, dass eine Situation vielleicht einfach unglücklich verläuft oder sogar die Basis für eine weitere negative Entwicklung in sich birgt.

Vielleicht empfindet man aber auch einfach Abläufe als umständlich oder Verhaltensweisen des Vorgesetzten als ungerecht oder demotivierend. Andererseits ist Kritik am Chef natürlich schwierig. Kaum jemand möchte sich schon im Hinblick auf die eigene Zukunft im Unternehmen besonders weit aus dem Fenster hängen, wenn es darum geht den Chef zu kritisieren. Umso wichtiger ist die Frage, wie es Dir gelingt richtig zu kritisieren, wenn Du es für notwendig hältst oder Dir Dein Gerechtigkeitsempfinden das gebietet.

Analyse der Situation: Vorsicht mit Emotion und Spontanität

Was Dich bei Freunden und in der Familie in entsprechender Dosierung auch in Konfliktsituationen sympathisch erscheinen lassen kann, ist bei der Kritik am Chef in fast allen Unternehmen eine riskante Angelegenheit. Wenn Du richtig kritisieren willst, möchtest Du schließlich eine als negativ erkannte Situation nach Möglichkeit verbessern und nicht Dein Seelenleben nach außen kehren. Vor allem willst Du keine Angriffsfläche für Vorgesetzte und Kollegen bieten, die unter Umständen noch nach Jahren zu Deinem Nachteil genutzt werden könnte.

Wenn Dir also etwas wirklich negativ aufstößt, vielleicht sogar zum wiederholten Mal, horche erst einmal ganz für Dich allein in Dich hinein und werde Dir darüber klar, was genau Dich stört. Gerade im Berufsleben ist es wichtig, dass Du genau benennen und begründen kannst, warum Du eine andere Lösung, einen anderen Ablauf oder gar ein anderen Verhalten für geeigneter hältst.

Das gilt umso mehr, wenn Du daran gehst, Deinen Chef zu kritisiern, weil die Hierarchien auch für die Beurteilung von Sachverhalten und für jegliche Form von Kritik gelten. Gerade das ist ja das Wesen der Firmenhierarchie über die reine Weisungsbefugnis hinaus und macht es so schwierig, richtig zu kritisieren.

Der Vergleich mit anderen

Fühlst Du Dich also unbehaglich, wenn Dein Chef mit Dir spricht, achte erst einmal darauf, ob sein Tonfall anderen gegenüber genauso ist. Vielleicht ist das seine persönliche Art, die Dir nur nicht gefällt. Versuche bei anderen zu beobachten, wie sie diesen Tonfall aufnehmen. Wenn Dir ihre Reaktion auch negativ scheint, kannst Du vielleicht vorsichtig vorfühlen, ob sich jemand äußert und wie er den Erfolg einer Kritik am Chef einschätzt.

Nun sind gerade Fragen des Empfindens sehr schwierig. Du kannst Dich gerade in einem solchen Fall schnell als überempfindlich positionieren. Noch schwieriger wird es, wenn Du feststellst, dass Du der Einzige bist, der unfreundlich behandelt wird. Wenn Du in einer eine solche Situation richtig kritisieren willst, musst Du eigentlich schon die Machtverhältnisse und die Wirkung des eigenen Auftretens gut einschätzen können.

Kann sich die Kritik vielleicht auch von selbst klären?

Deutlich einfacher ist eine Differenz in fachlichen Detailfragen. Hier geht es letztlich einfach darum, den Kritikpunkt sachgerecht und nüchtern zu analysieren und die bessere Variante sorgfältig zu analysieren und auf Einwände abzuklopfen. Das gleiche gilt für fachliche Fragen grundsätzlicher Art.

Eine genaue Analyse und ein sorgfältiges Abwägen der Alternativen ist bei jeder Fachfrage nötig, denn man will ja weder sich blamieren noch ein Projekt torpedieren. Je grundsätzlicher die Frage ist umso wichtiger wird dieses Vorgehen aber, weil zu dem Risiko des Chef kritisiern noch die Gefahr der fachlichen Blamage kommt.

Besonders schwierig ist die Analyse der Gelegenheiten, richtig zu kritisieren. In Unternehmen mit einer ehrlichen und offenen Gesprächskultur können gerade fachliche Fragen unproblematisch aufgeworfen und diskutiert werden. Damit erledigt sich Kritik fast schon von selbst, weil die Frage der Beurteilung eines Sachverhaltes nicht an Hierarchien gekoppelt ist. Lediglich die endgültige Entscheidung fällt als Frage der Verantwortlichkeit unter die Weisungsbefugnis des Vorgesetzten. Im Idealfall kann in einer solchen Firmenkultur auch persönlicher bedingte Kritik im Gespräch geklärt werden.

Wenn eine Kritik fast unmöglich ist

Bei einer Unternehmenskultur, in der die Hierarchie auch die Gesprächsführung bestimmt, ist es wichtig, sich sämtliche Möglichkeiten für eine Gespräch mit dem Vorgesetzten zu bestimmten Fragen klar zu machen. Hat man das für eine Situation erledigt, hat man sehr wahrscheinlich auch für spätere Zeit ein Muster für die Klärung von Konflikten.

Fast unmöglich kann eine Kritik Dich in einer stark machtorientierten Unternehmenskultur sein. Denn wenn es kaum um sachliche Klärung geht, kommst Du auch mit guter Argumentation und sorgfältiger Analyse nicht weiter. Es ist also fast unmöglich richtig zu kritisieren. Hier hilft nur gutes Abwägen der Vor- und Nachteile einer Kritik am Chef und ein gutes Gefühl für die eigenen Möglichkeiten.

Auf besonderer Mission: Wie verpacke ich die Kritik am Chef

Begründete Alternativen

Geht es um fachliche und organisatorische Themen, hast Du verschiedene Möglichkeiten. Am geschmeidigsten kannst Du einen gegensätzlichen Standpunkt anbringen, indem Du eine gut begründete Alternative vorstellst. Dazu musst Du gar nicht Details aus dem Vorschlag oder der Entscheidung von Deinem Chef kritisiern. Mit einigen geschickten Einleitungen weist Du höflich und souverän auf weitere Möglichkeiten hin:

– denkbar wäre doch auch
– ich könnte mir auch vorstellen, dass wir
– was halten Sie von der Idee, dass
– vielleicht könnte das Projekt noch besser gelingen, wenn
– wie wäre es, wenn
– zu einem Detail würde mir noch etwas einfallen
– erlauben Sie noch eine Bemerkung zu

Bei aller Zurückhaltung in der Form sollte Deine Stimme und Dein Auftreten natürlich so sicher wirken, dass Dein Chef und Deine Kollegen Dir zuhören. Jetzt kannst Du im Idealfall Deine Sicht der Dinge pointiert darstellen und mit schlüssigen Argumenten untermauert darstellen. Die Ansicht Deines Chefs musst Du dabei nicht richtig kritisieren, jedenfalls nicht direkt und ausdrücklich.

Im Grunde entwickelst Du die bisherigen Gedankengänge ja auch nur weiter. Wenn sich problematische Gegensätze zum bisher diskutierten Stand des Projektes ergeben, solltest Du die entscheidenden Punkte nach Möglichkeit erst dann anbringen, wenn Du Dir der wohlwollenden Zuhörerschaft des Chefs und der Kollegen sicher bist.

Kritik als Verbessungsvorschlag

Vielleicht hast Du aber gute Einwände gegen eine Entscheidung Deines Chefs, die Deinen direkten Arbeitsbereich betrifft und willst Abläufe oder den organisatorischen Rahmen ändern. Hier ist es angebracht, Deinen Chef um einen Gesprächstermin zu bitten. Natürlich suchst Du das Gespräch nicht schwerpunktmäßig um Deinen Chef zu kritisiern. Vielmehr

– möchtest Du einen Vorschlag unterbreiten
– über Ideen zur Verbesserung der Arbeitsabläufe in Deinem Bereich sprechen
– kurz über ein Problem bei Deiner Arbeit sprechen

Auch in diesem Fall kannst Du am besten richtig kritisieren, indem Du die Kritik am Chef als Verbesserungsvorschlag der bestehenden Situation verpackst. Wichtig ist hier eine gute und schlüssige Begründung für die gewünschte Veränderung, insbesondere im Hinblick auf eine Verbesserung der Arbeitsergebnisse im Hinblick auf Ergebnis, Effizienz, finanzielle Ersparnis oder Synergieeffekte bei der Kooperation mit anderen Abteilungen.

Was Dir an der gegenwärtigen Situation missfällt, musst Du ja nicht unbedingt als Entscheidung Deines Chefs hervorheben. Um richtig zu kritisieren solltest Du deutlich machen, dass die Situation so wie sie ist und dass Dein Chef sie verbessern kann. Natürlich sieht er Dich im Idealfall als Urheber der Verbesserungsideen und wird Dich als Mitarbeiter oder Mitarbeiterin im Gedächtnis behalten, der oder die mitdenkt. Aber das wird in erster Linie von seiner Persönlichkeit abhängen.

Auf seine Bewertung hast Du wenig Einfluss. Du konzentrierst Dich also vor allem darauf, dass Du Deine Arbeitssituation verbesserst und nicht als unzufrieden oder nörglerisch da stehst.

Nach der Ursache fragen

Wirklich schwierig wird eine Kritik am Chef im Hinblick auf den zwischenmenschlichen Umgang. Hier ist es besonders schwierig, den Chef richtig zu kritisieren., denn er wird sein Verhalten als den Maßstab nehmen, wie seine Vorgesetztenrolle auszufüllen ist. Insbesondere, wenn Dein Chef gleichzeitig Inhaber des Unternehmens ist und damit in der Tat die bestimmende Person, musst Du gut argumentieren, um den Chef zu kritisiern.

Bei gegensätzlichen Anweisungen kannst Du deutlich machen, dass nicht nur Du auf diese Weise nicht sinnvoll arbeiten kannst. Wenn Du ständig unfreundlich angegangen wirst, frage nach der Ursache der offensichtlichen Unzufriedenheit. Auch wenn Du natürlich nur für Dich reden kannst, ist der Hinweis erlaubt, dass man sich nicht vorstellen kann, dass andere unter dem ständigen Druck eines unfreundlichen Umgangston vernünftige Arbeit leisten können.

Mache dabei immer deutlich, dass es Dir unangenehm ist und schwerfällt. Richtig zu kritisieren bedeutet vielleicht sogar ungern zu kritisieren. Denn so wird dem Gegenüber deutlich, dass Du nicht bestimmen willst, sondern Dir einfach nicht mehr anders zu helfen weißt..

Natürlich solltest Du trotzdem Argumentation nicht durch Emotion ersetzen.

Mit anderen Betroffenen zusammentun

Wenn Dein Chef Vorgesetzter innerhalb einer mehrgliedrigen Hierarchie ist, steht er vielleicht selbst unter Druck, mit seiner Abteilung gute Arbeit zu leisten. Wichtiger als ausdrücklich den Chef zu kritisiern ist es hier, deutlich zum machen, dass man am gemeinsamen guten Arbeitsergebnis interessiert ist und es hilfreich wäre, das Arbeitsklima in bestimmten Punkten zu verbessern. Wenn das Verhalten des Chefs zweifelsfrei willkürlich und widersprüchlich ist, kann man in diesem Fall auch darauf bestehen, angemessen behandelt zu werden.

Ein solches konfliktträchtiges Gespräch solltest Du aber nicht unbedingt alleine führen. Wenn die Situation wirklich problematisch ist, trifft es vermutlich nicht dich allein, sondern auch andere Kollegen. In einer Gruppe mit zwei oder drei Personen vermeidet man eine Isolierung in dieser wirklich heiklen Lage. Natürlich musst Du auch hier sachliche Argumente für eine Veränderung des Gesprächsstils anführen, damit Dein Chef das Gesicht wahren und bei gutem Willen auch von sich aus an eine Verbesserung des Betriebsklimas arbeiten kann.

Es kann Dir aber auch passieren, dass Du in einer solchen Situation alleine stehst. Dann solltest du prüfen, ob Dir – soweit vorhanden – ein Betriebsrat helfen kann. Im äußersten Fall bleibt Dir nur eine arbeitsrechtliche Beratung. Das kann natürlich wirklich nur die äußerste Möglichkeit sein, wenn persönliche Gegensätze die Situation so erschweren, dass es Dir fast unmöglich ist, den Chef richtig zu kritisieren. Hier kann professioneller Rat eine Eskalation am ehesten vermeiden.

Der elegante Abgang: Was tun, wenn Kritik am Chef Gegenwind bringt

Die wenigsten Chefs reagieren subtil, wenn sie sich durch Alternativen, Verbesserungsvorschläge oder offen ausgesprochene Kritik angegriffen fühlen. Du wirst es vermutlich schnell merken. Darum ist der sachliche Vortrag und die schlüssige Begründung so wichtig. Denn so kannst Du Dich auch bei einer ruppigen Gegenreaktion auf die sachliche Ebene zurückziehen und zugestehen, dass Du Deine Argumentation noch einmal überdenkst.

Wenn zum gegebenen Zeitpunkt offensichtlich kein offenes Ohr für Deine Argumente zu erreichen ist, muss das ja nicht für ewig sein. Vielleicht ist bis zum nächsten Meeting oder dem nächsten Gespräch der eine oder andere Deiner Gedanken etwas gesackt und findet wohlwollende Unterstützung bei Kollegen oder sogar dem Chef.

Wenn Du Deine Gedanken also bei der nächsten Gelegenheit noch einmal ausführst, fallen Sie vielleicht doch auf fruchtbaren Boden. Natürlich solltest Du Deine Ideen wirklich überdacht haben, insbesondere, wenn es konkrete Kritik daran gegeben hat. Richtig kritisieren heißt auch, Gegenkritik anzunehmen und jeden sinnvollen Kern auch einer weniger sachlichen Gegenargumentation als konstruktiv im Sinne des gemeinsamen Ziels anzunehmen.

So machst Du auch deutlich, dass es Dir nicht darum geht, die Kollegen oder den Chef zu kritisiern und Dich so zu profilieren, sondern um den gemeinsamen Erfolgt. Außerdem hast Du ja vielleicht wirklich manche Aspekte nicht bedacht. Das kann Dir dann nur Ansporn sein, beim nächsten Mal noch besser zu analysieren und zu argumentieren.

Fazit

Den eigenen Chef zu kritisieren ist nie einfach. Jedoch ist es wichtig zu zeigen, wenn man sich nicht wohlfühlt. Dabei ist es auch nicht schlimm, seinem Vorgesetzten klar zu machen, dass Dir diese Gespräch nicht leicht fällt. Fakt ist, dass es wichtig ist, sich an seinem Arbeitsplatz wohl zufühlen. Ist dies nicht der Fall, solltest Du eventuell doch über ein Gespräch mit Deinem Chef nachdenken.

Vielleicht helfen Dir die oben genannten Tipps dabei, auch dieses Gespräch erfolgreich zu meistern.

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5 Kommentare zu „Mit Köpfchen und Fingerspitzengefühl – wie kann ich meinen Chef richtig kritisieren?“

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